Der Film-Adler

Fräulein Stinnes war schon als kleines Mädchen von Autos und Reisen begeistert. Mit 18 Jahren beginnt sie Autorennen zu fahren. Sie gewann unter anderem den Großen Preis von Moskau, an dem sie als einzige Frau teilnahm.

Um ihre Unabhängigkeit von ihrem Elternhaus zu demonstrieren und um der Welt zu beweisen, wie gut deutsche Industriearbeit ist, beschließt sie 1926 die Weltreise zu unternehmen. Sie suchte Sponsoren und fand sie unter anderem bei den Adler Werken in Frankfurt am Main. Für ihre Expedition stellte man ihr einen fabrikneuen Adler Standard 6, einen LKW als Beiwagen, Ersatzteile und 2 Mechaniker zur Verfügung.

Für die Verfilmung dieser Weltumrundung wurde ein identisches Oldtimerfahrzeug benötigt. Bevor die Vorbereitungen zu den Dreharbeiten starteten, begann die Suche nach dem dritten „Hauptdarsteller“, dem Adler. Die Suche nach einem Fahrzeug, das vor fast 80 Jahren gebaut wurde und das im Jahr 2008 zuverlässig all das ausführen sollte, was im Drehbuch stand: fast im Schlamm versinken, durch die Wüste fahren, extreme Abhänge runterrasen, in starkem Regen stehen und vieles mehr erwies sich als äußerst schwierig.

Für ein historisches Fahrzeug als Requisit in einem Film gab es verschiedene Möglichkeiten. Ganz am Anfang stand die Entscheidung, ob man das Auto leihen oder kaufen sollte. Von Anfang an stand fest, dass der Adler sehr strapazierfähig sein musste. Er sollte nach Marokko reisen, viele extreme Situationen durchmachen. Man beschloss, einen Wagen zu kaufen. Danach ergaben sich vier verschiedene Optionen:

1. Man baut ein Fahrzeug nach:

Dazu nimmt man einen Abdruck von der Karosserie eines Adler Standard 6, der dann mit Epoxitharz ausgegossen wird. So entsteht eine Karosserie, die nicht aus Metall ist, sondern aus einem sehr belastbaren Kunststoff. Die Karosserie versieht man dann mit einem modernen Motor. Innen und Außen sieht der Wagen exakt aus, wie das Original, nur unter der Motorhaube ist er ganz modern. Der Vorteil: Neue Materialien und ein moderner Motor die immer funktionieren. Nachteil: Man darf die Kühlerhaube nicht öffnen, denn dann käme der moderne Motor zum Vorschein. Außerdem wäre der Sound nicht originalgetreu.

2. Man verwendet eine Originalkarosserie:

Das ist eine gute Option, allerdings ist es nicht leicht eine Originalkarosserie zu finden. Hat man ein Original vorliegen, braucht man die Karosserie nur noch auf ein Chassis mit einem modernen Motor montieren.

3. Man kauft ein ähnliches historisches Fahrzeug von einer bereits abgeschlossenen Filmproduktion.

Es bestand die Möglichkeit ein ähnliches Fahrzeug von einem bereits abgedrehten Film zu kaufen. Einen Studebaker - Eskine, Baujahr 1928. Dieses Auto hätte man umlackieren und mit den verschiedenen für den Adler charakteristischen Details (Kühlerhauben Figur, seitlichen Scheinwerfer, Schriften etc.) versehen können.

4. Kauf und Restaurierung eines Originalfahrzeuges:

Die vierte Möglichkeit ist ein Original Adler Standard 6 zu finden, zu kaufen und zu restaurieren. Vorteil: Diese Variante ist historisch korrekt und dokumentarisch richtig. Nachteil: hoher Preis, hohe Restaurationskosten, lange Recherche und eine lange Restaurationszeit.

Alles in allem war es eine komplexe und schwierige Entscheidung mit weit reichenden Konsequenzen für die Dreharbeiten und die gesamte Produktion, die die Produzenten Bernd Wilting und Dr. Uli Veith fällen mussten. Da bei „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ das Fahrzeug schon fast eine Hauptrolle einnimmt, waren die Produzenten schließlich so mutig, sich für die vierte Variante zu entscheiden.

Recherche und Kauf

Der Adler Standard 6 mit dem Clärenore Stinnes sich auf die Weltreise begeben hat, wurde nur circa 2500 mal gebaut.
Durch eine Anzeige im Internet fand sich in Cottbus ein Adler Favorit als Restaurationsobjekt. Da sich dieses Modell nur sehr geringfügig vom Standard 6 unterscheidet, hatte man den Filmadler endlich gefunden. Die dreimonatige Recherche führte von Deutschland nach Holland über Belgien und Frankreich wieder zurück nach Deutschland.

Der Filmadler wurde vor über 80 Jahren gebaut. Es folgte der Zweite Weltkrieg mit der Teilung Deutschlands. In der ehemaligen DDR wurden am Ende des Krieges alle Fahrzeuge von den Russen beschlagnahmt. Manche Besitzer vergruben ihre „Schätze“ in der Hoffnung, dass diese „überlebten“. Ca. 10 Jahre vor der Wende fing man vorsichtig an, die Fahrzeuge wieder zu bergen.

Es stellte sich heraus, dass es leichter war einen Mercedes zu restaurieren, als einen Adler. Es gab kaum Ersatzteile. Daher verkauften viele Besitzer ihre Wagen. Auf diesem Weg war „unser“ Adler nach Cottbus gelangt, wo er in einer Scheune auf seine Wiederentdeckung und Restaurierung wartete.

Nachdem die Entscheidung gefallen war, den Favorit für den Film zu verwenden, wurde der Wagen abgeholt. Auf dem Hof der Werkstatt passierte dann das Unglaubliche: Der Mechaniker füllte Benzin in den Tank, Öl in den Motor und startete das Auto. Es fuhr! Unglaublich, nach so vielen Jahren.

Die Restaurationsarbeiten waren sehr langwierig, kompliziert und für alle Beteiligten sehr nervenaufreibend. Es machte dennoch viel Freude, die Fortschritte mitzuerleben. Als die neu verchromten Teile wie Griffe, Kühlerfigur und Kühlergrill blitzten und funkelten und der Sattler die frisch aufgepolsterten und mit Leder bezogenen Sitze und Türverkleidungen in die Werkstatt brachte, war das jedes Mal wie Weihnachten.

Der Drehbeginn rückte immer näher und damit der letztmögliche Abfahrttermin nach Marokko, der 28. Dezember 2007. Am 15. Januar 2008 sollte der Dreh beginnen. Eine Strecke von über 3700 Kilometern standen dem Adler und dem Filmteam bevor. Die Werkstatt arbeitete mittlerweile Tag und Nacht, selbst Weihnachten war kein Grund, die Werkzeuge fallen zu lassen.

Auf der ersten Motivreise durch Marokko im September hatten sich Regisseurin und Ausstatterin sehr viele Gedanken über die Farben für das Auto gemacht. Der Original Adler war flaschengrün und schwarz. Da der Adler zur Landschaft passen sollte, entschied man sich auch wegen der starken Patina, für ein sehr schlammiges Grün und ein tiefdunkles Ochsenblutrot. Übrigens eine Farbkombination, die bei den Adler Werken später für den Favorit benutzt wurden.

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